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Doch ganz plötzlich fängt die Tote an zu kichern

02.10.2006. Auf Rundgang mit den Nachtwächtern Johann und Friedrich durch die stockdunkle Altstadt.

Johann nennt sich der eine, Friedrich der andere: An diesem Samstagabend gehen sie zweimal auf Tour durch Großbottwars stockdunkle Altstadt. Jörg Neuffer heißt der eine, Wolf- Dieter Otto der andere im normalen Leben. Aber jetzt schlüpfen sie in eine fremde Rolle: In die des Nachtwächters. In einen schwarzen, langen Mantel gehüllt, den Dreispitz auf dem Kopf, die Hellebarde in der Rechten, die Petroleum-Lampe in der Linken. „Hört; ihr Leut’ und lasst euch sagen, die Uhr hat neun geschlagen“, stimmt Johann an, als er vor dem Gebäude steht, in dem bis 1947 der Stadtbäcker seinem Handwerk nachging.

Johann und Friedrich lassen ein Stück Stadtgeschichte wieder aufleben – quasi im Rahmenprogramm des Mittelaltermarkts. Getrennt voneinander, ziehen sie zu Punkten, die für das mittelalterliche Großbottwar typisch waren: Das Gasthaus Rose, die Mühle, die Stadtmauer und zu den Standorten der einstigen Stadttore – drei an der Zahl, an denen Händler Zoll berappen mussten. Geld, das in die Kasse der Herren von Lichtenberg floss.

Mehr als 100 Menschen sind bei den vier Touren dabei. Sie bekommen jeweils eine Mini-Laterne in die Hand gedrückt, mit einem angezündeten Teelicht. Denn in dieser Nacht brennen keine elektrischen Straßenlaternen. Für ein bisschen Helligkeit sorgen nur Fackeln oder aufgespaltene und angezündete Holzblöcke in den Straßen, Gassen und Winkeln.

Und so tauchen sie ein in die Welt des Nachtwächters anno 1556, dem Jahr des Rathausbaus: Johann, Friedrich und ihr mitziehendes Volk. Alle Städte, die etwas auf sich halten, stellen Nachtwächter an, erzählt Johann. Sie sollen nicht nur die Zeit ansagen, sondern auch Lumpengesindel und Taschendiebe vor die Stadtmauern treiben, damit die Bürger ruhig schlafen können.

Und sie sollen Alarm schlagen, wenn ein Brand auszubrechen droht. Gleichzeitig müssen sie kontrollieren, ob die Stadttore abgeschlossen sind. Bis 1901 hatte Großbottwar einen Nachtwächter. Zwei Jahre später fiel das so genannte Fürstenhaus – in der Nähe des Rathauses – in Schutt und Asche: „Mit uns wär’ das nicht passiert“, kommentiert Johann trocken, der an diesem Abend zwischen Mittelalter und Moderne pendelt.

Johann klagt: Die Stadt zahle ihm nicht viel. Er hat eine Frau und fünf Kinder. „Das Geld reicht net henda und vorna.“ Doch er verrät, wie er sich ein Zubrot verdient: Da er bei seinem nächtlichen Rundgang doch manches sieht, kassiert er „Schweigegeld“: Etwa, wenn die Frau daheim ihren Liebhaber empfängt, während der Mann im Wirtshaus sitzt. Ein unehrenhafter Beruf ist’s, der des Nachtwächters. Er zählt zur niedrigsten sozialen Schicht wie Abdecker, Scharfrichter, Musiker, Henker und Bader. Sie dürfen keine Zunft gründen.

Er kennt sich aus im Städtle, führt zum früheren Badhaus (jetzt „la Pizzeria“), zum Kopfhaus – benannt nach einer über dem Eingang angebrachten Fratze – und durch die Feuergasse zur außerhalb der Stadtmauer stehenden Martinskirche. Die frühere alte Schule, inzwischen zu Eigentumswohnungen umgebaut, war einst die Stadtkirche. „Wehrt Feuer und dem Licht, dass dem Haus kein Leid geschieht“, singt Johann mit, wie er sagt, brüchiger Stimme. Und er bittet Gott um eine gute Nacht für die Stadt.

Plötzlich zieht beim schiefen Haus eine humpelnde Frau einen Leiterwagen vorbei, in dem ein Mensch liegt. „Eine Pest-Tote“, sagt Johann. Doch in diesem Moment fängt die Tote an zu kichern. Günter Bächle

Günter Bächle, Ludwigsburger Kreiszeitung

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Programmierung und Design: MAURER Kommunikationsdesign, Großbottwar.