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Eierknacken, Mäuseroulette und holde Weiber

28.09.2009. Den Alltag abstreifen und in eine längst vergangene Zeit abtauchen: Das Mittelalter hat noch immer seinen Reiz, und so drängten sich auch beim vierten Historischen Markt Tausende durch Großbottwars Gassen und ließen sich von Händlern, Handwerkern und Gauklern dazu animieren, den einen oder anderen Silberling aus der Tasche wandern zu lassen.

„Seid gegrüßt edles Fräulein“, tönt es dem Besucher schon von Weitem entgegen, und wer es nicht schon weiß, ahnt spätestens jetzt, dass ihn gleich eine ganz andere Welt erwarten wird. Insgesamt 55 Holzstände reihen sich in den engen Gassen der Altstadt aneinander, Strohballen laden zum Verweilen ein, fremde Klänge und vor allem Düfte wabern über den Markt, der vom Verein Miteinander Attraktives Großbottwar (MAG) und der Stadt veranstaltet wird.

Es riecht nach Holzfeuer, nach Stockbrot, nach Entenkeule und nach Gewürzen und Kräutern, die gegen alles und nichts helfen. „Olioanum wirkt desinfizierend, Aden ist für die spirituelle Arbeit geeignet“, erklärt Kräutermann Karlheinz Welling. Nach seiner fachkundigen Beratung lässt man doch gerne den einen oder anderen Silberling liegen. Auch edles Geschmeide, selbst gemischter Hexenzucker, Drachensalz, Filz- und Holzpantoffeln und feinstes Gewand lassen sich käuflich erwerben. Damit dem gemeinen Volk ja nicht die Kauflaune verdorben wird, treibt Stelzenläufer Gawan mit den Besuchern seinen Schabernack.
Auch das Amüsement darf nicht zu kurz kommen. Vor allem für die Kinder ist viel geboten: Sie können mit Boulekugeln auf Eier zielen, beim Bogenschießen eine schwarze Spinne erledigen, mit dem kleinsten Riesenrad der Welt aus Holz einen Blick über den ganzen Markt genießen oder nähere Bekanntschaft mit Kunigunde machen. Kunigunde ist laut ihrer Besitzerin Franziska „die schönste Maus des Mittelalters“ und bestimmt beim Mäuseroulette, wer eines ihrer Geschwister aus Stoff mit nach Hause nehmen darf.
Während Felix sich im Glücksspiel versucht, arbeitet Florian an seiner ersten selbst gezogenen Kerze. Den Docht professionell um den Kerzenfinger, also den kleinen Finger, gewickelt, taucht er ihn unermüdlich immer wieder in das Gemisch aus Baumharz, Bienenwachs und Pflanzenfett ein. Eine Dreiviertelstunde wird er brauchen, bis er seine in vielen Farben gefärbte Schlange in Händen halten wird – im Mittelalter war Arbeit eben noch ein richtiges Geschäft, wie die vielen Handwerker wie Schmied, Korbflechter, Färber und Papiermacher zu berichten wissen.
Da tut Erholung gut: Der Bader hat dieses Mal nicht nur einen Zuber, sondern auch eine Sauna aufgebaut. Dem einfachen Volk ist dies offensichtlich zu heiß, es lässt sich lieber auf dem Marktplatz unterhalten.
Lustige Musikanten singen von der Liebe und dem holden Weib, das manchmal gar nicht so hold ist, sondern der man am liebsten die Pest auf den Hals wünschen würde. Mit derben Zoten wird nicht gespart, aber auch nicht mit Liebesgesäusel. „Oh du holdes Weib mit güldenem Ohr“, flötet ein ganz normaler Besucher seiner Frau, ganz offensichtlich animiert vom Jargon, ins Ohr.
Überhaupt, das haben auch die Organisatoren festgestellt, schreiten immer mehr Besucher mittelalterlich gewandet durch die Gassen. Alexandra Boucher berät ihren Freund beim Hemdenkauf. So ganz überzeugt ist er zwar noch nicht vom mittelalterlichen Treiben, die Gerlingerin dafür umso mehr. „Es ist schön, in eine Welt einzutauchen, die viel bunter ist. Es ist fantastisch und . . .“ Der Rest des Satzes geht im Handgeklapper unter. Die Musikanten brauchen eine Pause. Sie verlassen die Bühne natürlich nicht, ohne noch kurz für die kleinen, runden Silberteller, die viele Lieder spielen, zu werben. Man könnte auch ganz profan CDs dazu sagen, aber wir sind doch im Jahr Vierzehnhundert und noch mal was . . . !

Ludwigsburger Kreiszeitung, Patricia Rapp

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