Großbottwarer lassen Mittelalter wieder aufleben
02.10.2006. Die Winkel, Gassen und der Marktplatz Großbottwars als Kulisse eines mittelalterlichen Marktes: Insgesamt 57 Stände sorgten übers Wochenende für zusätzlichen Flair in der Altstadt. Es war eine Zeitreise zurück, wobei höchstens das Klingeln von Handys den Blick retour störte. Ein Rummel mit viel Atmosphäre.
Großbottwar feiert 450 Jahre Rathaus und 750 Jahre Stadtgeschichte. Da passt ein Mittelalter- Spektakel zu Festprogramm und Historie gleichermaßen. Dass die Organisatoren vom Verein „Miteinander Attraktives Großbottwar“ (MAG) richtig lagen, zeigte die Resonanz. Zeitweise herrschte Gedränge in den Straßen und Gassen. Selbst die Weinlese tat dem Erfolg dieser Premiere keinen Abbruch. „Wir sind sehr zufrieden“, sagte Daniela Majer, die seit zwei Jahren auf dieses Ereignis hin arbeitete. Sie hat sich frühzeitig auf anderen Mittelaltermärkten informiert, platzierte den Großbottwarer Termin auch in den bundesweit gelesenen Zeitschriften für Mittelalter-Fans. Die Landsknechte aus Steinheim, die Bruderschaft von Bretten, die einheimische Musikgruppe „Camino Tres“ und die Gaukler- Gruppe Schabernack gehörten zum Rahmenprogramm.
Überwiegend professionelle Beschicker solcher Märkte bauten die Stände auf. Im Untergeschoss des Rathauses ließen die Veranstalter die frühere Markthalle wieder aufleben – mit Hilfe von Gemüse- und Obsterzeugern aus Großbottwar und Oberstenfeld. Das Mittelalter ganz stilecht: dank Landsknechten, Bauern, Handwerkern und fahrendem Volk. Viele zeigten auch ihr altes Handwerk, das sie meisterhaft beherrschen: der Schmied, ein Drechsler und der Schindelmacher zum Beispiel. Elegante Gewänder aus Hanf und Leinen, edles Geschmeide, Gewürze, Duftwässerchen und Seifen – die Auswahl war reichlich. Wie Magnete wirkten auf Kinder gleich mehrere Stände mit Schwertern und Säbeln aus Holz in allen Längen und Formen, Wappenschildern, Morgensternen, Steinschleudern, Pfeilen und Bogen. Besucher probierten ihre Geschicklichkeit auch beim Bogenschießen: Fünf Schuss für zwei Silberlinge. Zielobjekte waren eine Zitrone und eine Wildschwein-Figur.
Doch selbst Mittelalter-Freaks sind hoch modern ausgerüstet. So der Edelsteinhändler, der auf einem Holzschild dezent darauf hinweist, dass er auch über einen Kartenleser verfügt – für EC-Karten. Überhaupt ging es immer richtig zur Sache, auch in der Münzerei gleich neben dem Rathaus – und im Erdgeschoss desselben, wo der Nachbau einer Druckpresse stand, wie sie Johannes Gutenberg vor 500 Jahren verwendete. Für drei Groschen konnten sich Besucher ein Blatt mit dem Rathaus als Motiv bedrucken lassen, verziert mit der Aufforderung aus Jeremias 27, Vers 7: „Suchet der Stadt Bestes“. Attraktion für Groß und Klein gleichermaßen war das kleinste Riesenrad der Welt: Etwa fünf Meter hoch, wird es mit Muskelkraft bewegt. Nach dem Einsteigen der Gäste muss allerdings zuerst ein Belastungsausgleich stattfinden. Nicht nur Spiele wie das Eierknacken erinnerten an das Mittelalter, sondern auch Speis und Trank – vom Met über das Stockbrot bis zu Fladen. Und das alles bei nur einem Silberling Eintritt. Bereut hat ihn wohl niemand. Günter Bächle
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